Zeitreise(n) durch Bad Iburg

Beckerteichpforten-Rott - Häuser Nr. 13 / 14 (heute: Schloßstraße 16)

1834 entstand an Stelle der zwei Häuser Nr. 13 und 14 ein neues Haus "ganz aus Stein".

Plan vom 04. Dezember 1875 (rot eingekreist: Haus Nr. 13/14)

Plan vom 04. Dezember 1875 (rot eingekreist: Haus Nr. 13/14)

Iburg Nr. 13

In dem Haus Iburg Nr. 13 war 1789 und auch zehn Jahre später Clara Maria Bitter (geb.: 1730, gest.: 14.12.1800), die Witwe des Chirurgen Joannes Henricus Bitter (getauft: 25.07.1734, beerdigt: 20.01.1785), gemeldet. Das Paar hatte fünf Kinder: Frans Engelbert Ferdinand, Catharina Elisabeth, Clara Elisabeth, Johan Henrich Anton und Maria Anna Josepha. Auch der Sohn Engelbert Bitter war später als Chirurg in Iburg tätig und wohnte und praktizierte wahrscheinlich ebenfalls im Hause Iburg Nr. 13; Engelbert Bitter verstarb am 17. Dezember 1804 in Iburg.

Iburg Nr. 14

Das Haus Nr. 14 war viele Jahre in Besitz der Familie Vornholz: 1667 wird eine Witwe Vornholz genannt, im Jahre 1697 der Hausvogt ("aulae praefectus") Johann Caspar Vornholz. Dieser war mit Margaretha Catharina, geborene Meyering, verheiratet; das Paar hatte acht Kinder.
Johann Caspar Vornholz verstarb am 2. November 1705 in Iburg. Seine Ehefrau lebte noch viele Jahre in dem Haus.

1755 und 1760 wohnte dort der Fleckensrichter und Küster Albert Bernhard Otto Hoja, der am 24. August 1713 in Iburg getauft wurde.
Sein Vater Jacobus Henricus van der Hoya (getauft am 4. August 1682), Küster und Notar in Iburg, wohnte mit seiner Frau Joanna Elisabetha, geb. Sprickmann, und den vier Kindern im Haus Iburg Nr. 43 (heute: Schloßstraße 2). Anfangs seiner Tätigkeit als Fleckens-Richter war Albert Otto Hoja ebenfalls unter dieser Anschrift gemeldet.
Jacobus Henricus van der Hoya wurde am 21. Juni 1731 in Iburg beerdigt - seine Frau wurde am 24. März 1742 in Iburg beerdigt.

Am 19. September 1734 heiratete Albert Otto Hoja die kinderlose Witwe Anna Christina Cruse, geb. Elfen (geb.: 1708). Aus dieser Ehe gingen die Kinder Franciscus Casparus Lambertus Everardus Hoya, geboren 1737, später Vikar an St. Johann in Osnabrück und anschließend Pastor in Schledehausen, die 1739 geborene Tochter Anna Barbara Hoya, die unverheiratet blieb und später bei der Familie von ihrem jüngsten Bruder in Ankum lebte, sowie der am 16. Dezember 1741 als jüngstes Kind geborene Conradus Ludovicus Antonius hervor. Dieser besuchte zeitweise das Gymnasium Carolinum in Osnabrück und bereitete sich anschließend in der väterlichen Kanzlei und als Schreiber des Drosten und Gografen zu Iburg auf eine Beamtenlaufbahn vor. Er war seit dem 23. April 1771 Vogt zu Ankum und seit dem 19. Mai 1808 sowie seit Juni 1811 Maire (Bürgermeister während der französischen Besatzungszeit) in Ankum - er wohnte in Ankum auf der sogenannten "Litzenburg", dem einstigen Wohnsitz der Freiin Felizitas von Boeselager.
Die Mutter Anna Christina wurde am 13. Februar 1782 in Iburg beerdigt, ihr Mann Albert Otto wurde am 21. April 1782 in Iburg beerdigt.

Conradus Ludovicus Antonius wurde noch 1789 und 1799 als Eigentümer des Hauses genannt. Im Jahr seiner zweiten Wahl zum Maire in Ankum hatte er neben seinen Besitzungen in Ankum in Iburg noch einige Grundstücke, Garten und Saatland in Besitz. Er hatte mit seiner Ehefrau Clara, geb. Eilers aus Dinklage, drei Söhne und fünf Töchter, die allesamt in Ankum geboren wurden.

Nach dem gemeinsamen ehelichen Testament vom 16. Oktober 1800, erweitert durch umfangreiche Dispositionen am 19. Dezember 1800, sollte der Sohn Bernhard (geb.: 18.10.1783) die Immobilien, das Haus und die Grundstücke in Iburg erben.
Die Mutter Clara verstarb am 3. Januar 1802; Sohn Bernhard verstarb am 2. Dezember 1811.
Eine Testamentsklausel besagte, dass der Überlebende allein berechtigt war, das Testament abzuändern - dies erfolgte durch Conrad Hoya am 1. Mai 1815. Nunmehr sollte der erst sechsjährige Sohn von Bernhard Hoja und Enkel von Conrad Hoja, Bernard jun., die Immobilien, das Haus und die Grundstücke in Iburg erben.
Am 3. Oktober 1820 verstarb Conrad Hoya in Ankum im Alter von fast 79 Jahren. Da es in der Folgezeit zu familiären Erbstreitigkeiten kam, ist derzeit nicht bekannt, wer die Immobilien in Iburg zugeschrieben bekam.

Hirsch-Apotheken

In den Iburger Klosterannalen des Abtes Maurus Rost, veröffentlicht im Jahre 1681, berichtete dieser über eine Apotheke des Osnabrücker Fürstbischofs, die sich einst an der "Hirschseiten" befand. "Es gehörte aber anfangs der erste Hof des jetzigen Schlosses und das nach Norden gelegenen Gebäude, das an unser Brauhaus stößt und heute Apotheke heißt, zum Kloster", so die Iburger Klosterannalen. Die Apotheke wurde in einem Grundriss des Schlosses aus dem Jahre 1591 erstmalig erwähnt. Mit den "Hirschseiten" war der nördliche Schlossflügel gemeint, wo in einem Gatter Hirsche gehalten wurden. Mit dem Weggang des fürstbischöflichen Hofes im Jahre 1672 verschwand diese Apotheke.
Um 1750 versuchten die Apotheker Meyer und Berge sowie die Apothekerin Luppe in Iburg eine Apotheke zu unterhalten, scheiterten aber innerhalb von 20 Jahren.
Ein Apotheker namens Johann Friedrich Meyer (geb.: 18.10.1705, gest.: 02.11.1765) übernahm 1737 die "Hirsch-Apotheke" in Osnabrück (heute: Große Straße 46/47).

1772 eröffnete der Apotheker Johan Wilhelm Klöntrup aus Glane, getauft am 18. August 1743 in Hilter, eine "Hirsch-Apotheke" im Haus Iburg Nr. 70 ("Wedekämpersches Haus", heute: Große Straße 6). 1784 erhielt er von der "Königlich Britannischen und Hannoverschen Landdrostei" 1784 die Konzession zum Betreiben dieser Apotheke.
In dem Haus wohnte um 1667 der Iburger Bürgermeister Gilbert Vorbraken. Das Haus wurde 1927 abgerissen, der hölzerne Bogen des Toreinganges sowie die drei Schnitzereien (darunter ein ruhender Hirsch) wurden im neuen Haus wieder eingefügt.
In einem Revisionsbericht aus dem Jahre 1802 war diese Apotheke "im eigentlichen Verstande als nicht existent" anzusehen. Zudem warf man Klöntrup vor, dass es an einfachsten Mitteln fehle, "... die jede Feldflur in Mengen darbietet.". Nach diesem Revisionsbericht wurde die Apotheke nicht mehr erwähnt und kann als geschlossen gelten.

Hirschdarstellung am "Wedekämperschen Haus"

Hirschdarstellung am "Wedekämperschen Haus"
aus der Werkstatt von Adam Stenelt

In Deutschland gibt es derzeit weit über 100 Hirsch-Apotheken. In der von Philipp Sigismund herausgegebenen "Iburger Arzneitaxe" von 1616 tauchen "Cervi priapi scobis" ("geschaben Hirschpisell"), "Cervi Cornutafurae" ("geschaben Hirschhorn"), "Cervi Cornu ulti" ("Gebrant Hirschhorn") und "Cervi Cornu ulti präparati" ("Zubereitet gebrant Hirschhorn") auf. Unter dem Stichwort "Hirsch" erläutert das 1753 in Leipzig erschienene "Allgemeines Oeconomisches Lexicon": "Das rothe Hirschhorn geraspelt in abgekochten Tränken und Aufgüssen eingenommen, widerstehet dem Gifft und aller Fäulung, erwecket Schweiß, stärcket den Lebens-Balsam, ist gar nützlich in Masern, Blattern, Fiebern und andern bösen gifftigen Kranckheiten. Das gebrannte Hirschhorn besänftiget das aufwallende Geblüte, stillet die Hitze, dämpffet die Säure, hemmet den Durchbruch, tödtet die Bauchwürmer." Krankheitsbekämpfend sollten auch u.a. Herz, Hirschmark und die Rute wirken. Worauf die Namensgebung der Iburger "Hirsch-Apotheke" begründet war ist nicht zu ermitteln - in China dient der Hirsch als Symbol für Langlebigkeit und Kraft.

Iburg Nr. 13/14

Am 24. Dezember 1801 war dem Apotheker Friedrich August Nettelhorst, verheiratet mit Johanna Francisca Charlotte, geborene Bierhacke, eine Apotheke an der heutigen Schloßstraße genehmigt worden. Es handelte sich wahrscheinlich um das Haus Iburg Nr. 13. Nettelhorst war vorher Privisor (in einer Apotheke angestellter staatlich anerkannter Apotheker) der "Schreiberschen Apotheke" in Melle (heute: Mühlenstraße 61) gewesen.

Wie aus einem Revisionsbericht hervorgeht war die Apotheke anfänglich sehr behelfsmäßig eingerichtet. Wenige Jahre später wurde sie jedoch in einem "... um vieles verbesserten Zustand ..." angetroffen.

Nicht nur Medikamente, sondern auch Gifte wurden in der Apotheke verkauft.
Das mit dem Giftschein Nr. 9 verkaufte Mäuse-Gift wurde an den "Doctor der Arzeney-Wissenschaft" Dr. med. Augustin Joseph Lamby (geb.: Februar 1792, gest.: 25. August 1875 in Iburg an Altersschwäche) verkauft.
Augustin Joseph Lamby wohnte zu dieser Zeit mit seiner Ehefrau Lidia Charlotta, geb. Schmidtmann, und den zwei Kindern (Sohn Anselm Ludwig Alfred folgte am 15.11.1829) im 1825 erbauten Haus "Freyenhagen" (Iburg Nr. 91, heute: Rathausstraße 12).

Giftschein Nr. 9 aus dem Jahre 1827   No. 9

Ich, A. Lamby, med. Dr. bezeuge hiermit von dem Apotheker
Herrn Nettelhorst am heutigen Tage ein Tröpfchen
[gestrichen] mit Fett gemischtes Mäuse-Gift
von etwa einer Unze, welches zur Vertilgung der
Mäuse verwenden will, in Empfang genommen zu
haben, verspreche solches vol in Acht nehmen und
für allen durch erwiesene Fahrlässigkeit entstehenden
Schaden einstehen zu wollen.
Iburg den 14. September 1827 Lamby.

Giftschein Nr. 9 aus dem Jahre 1827   Transkription des Giftscheines Nr. 9

Ende 1829 kaufte Nettelhorst das Haus des Iburger Handelsmannes Ernst Maas, wahrscheinlich das Haus Iburg Nr. 14.

1834 entstand an Stelle der beiden Häuser Nr. 13 und Nr. 14 ein steinerner Neubau aus Sandsteinen des Dörenberges; während der Entstehung dieses Neubaus verstarb der Apotheker Nettelhorst.

Im Giebel des Hauses zeigt ein Schlussstein über dem Giebelfenster das Baujahr - darüber abgebildet ist jedoch kein Hirsch sondern ein Farnpaar.

Schlussstein am Giebel

Schlussstein am Giebel

Der Sohn Daniel Ludwig ("Louis"), geboren am 15. Juni 1810 in Iburg, durfte nicht sofort die verwaiste Apotheker als Administrator übernehmen, da er noch nicht das Mindestalter von 25 Jahren erreicht hatte - erst 1812 wurde ihm die Konzession zum Führen der Apotheke erteilt.
Die Mutter Johanna Francisca Charlotte blieb bis zu ihrem Tode 1846 Eigentümerin.

Im Jahre 1848 wurde in Lienen eine Apotheke eröffnet, 1854 wurde die Glandorfer Apotheke, die 1830 von seinem Vater Friedrich August Nettelhorst gegründet wurde, selbständig: die Glandorfer Filialapotheke wurde an den Administrator Ernst Götting verkauft und zu einer selbständigen Apotheke erhoben. Dies hat der Iburger Apotheke großen Schaden zugefügt (zu diesem Zeitpunkt gab es in Iburg 153 Wohnungen und 991 Einwohner). Aus diesem Grunde verkaufte Louis Nettelhorst die Apotheke 1854 an den Apotheker Maximilian Friedrich Heinemann aus Himmelsthür (heute: Hildesheim) für "15.822 Taler courant" (= Reichstaler). Dieser war mit Johanne Sophie Wilhelmine, geborene Siedenburg, verheiratet; das Paar bekam den in Iburg geborenen Sohn Heinrich Anton Carl Ferdinand (geb.: 04.10.1855).

1850 gehörte Louis Nettelhorst zu den Gründungsmitgliedern des Kegelclubs "Trauerlinde", 1856 war Louis Ratsherr im Flecken Iburg, 1857 erschoss er sich in Iburg - im evangelischen Kirschenbuch ist dazu nachzulesen: "Er wurde um 1 Uhr früh ohne Teilnahme der Kirche zu Grabe getragen."

1855 gewährte Friedrich Heinemann auf seine Rechnungen "25% Rabatt (...) für kranke Hüttenarbeiter zu Beckerode". 1864 eröffnete Heinemann eine Filiale in Georgsmarienhütte.

Bereits 1867 verkaufte dieser das Anwesen an den Apotheker Adolf Hesselbach aus Dorum (heute: Wurster Nordseeküste), der bis 1870 die Apotheke weiter betrieb. Die Familie betrieb später in Osnabrück ein Aussteuergeschäft (heute: Große Straße).
Die Apotheke galt aufgrund der geringen Iburger Einwohnerzahl, es gab zu diesem Zeitpunkt im Flecken Iburg 158 Wohungen und 986 Einwohner, stets als existenzgefährdent.

Friedrich Schlotheuber

Friedrich Schlotheuber

Am 22. Oktober 1870 kaufte der Apotheker Friedrich ("Fritz") Wilhelm Schlotheuber (geb.: 21.10.1831 in Flegessen bei Bad Münder) aus Duingen (heute: Samtgemeinde Leinebergland) das Anwesen mit der Apotheke.
Der Vater Johann Heinrich Friedrich Schlotheuber (geb.: 30.07.1789) war seit Mai 1821 Pastor an der St.-Petri-Kirche in Flegessen (heute: Ortsteil von Bad Münder am Deister) und begeisterter Bryologe. Sein umfangreiches Herbar mit Moosen aus dem Süntel und dem Ith wurde nach seinem Tod am 12. Januar 1866 von König Georg V. aufgekauft und dem königlichen "Welfenmuseum", dem späteren Provinzialmuseum in Hannover bzw. dem heutigen Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, vermacht.
Friedrich war seit dem 12. April 1825 mit Elisabeth Dorothea Ferdinandine Hinterthür (geb.: 03.01.1805, gest.: 02.09.1865) verheiratet; er verstarb am 12.01.1866.

Friedrich Schlotheuber wurde am 17. Mai 1871 als Apotheker vor dem "Königlich-Preußischen Amt Iburg" vereidigt; seine Ausbildung fand bei Adolf Andrée in Münder (heute: Bad Münder; Adler-Apotheke) statt. Anschließend arbeitete er die vorgeschriebenen fünf Jahre als Gehilfe in Göttingen und Hannover. Nach dem dreisemestrigen Studium in Göttingen beschloss er seine Ausbildung mit der Abschlussprüfung in Hannover.
Schlotheuber arbeitete dann für 10 Jahre in der "Adler-Apotheke" in Duingen.

Abschrift der Original-Vereidigung vom 17.05.1871   Geschehen Amt Iburg, am 17. Mai 1871

Erscheint auf Ladung
der Apotheker Freidrich Schlot-
heuber, Besitzer der Apotheke
hierselbst, und hat den nachste-
henden Eid:
"Ich, Friedrich Schlotheuber,
schwöre zu Gott dem Allmächtigen
und Allwissenden, daß, nach-
dem ich als Apotheker in den
königlichen Landen approbiert
worden, seiner königlichen
Majestät von Preußen, mein-
nem allergnädigsten Herrn,
ich untertan, treu und gehor-
sam sein und alle mir ver-
möge meines Berufes obliegen-
de Pflichten und den darüber
bestehenden oder noch ergehenden
Verordnungen, auch sonst nach
meinem besten Wissen und
Gewissen genau erfüllen
will, so wahr mir Gott helfe
und sein heiliges Wort"
mit aufgehobenen drei
Schwurfingern rechter Hand
abgeleistet.
Vorgelesen, genehmigt
gez: Fr. Schlotheuber
unterschrieben
Beglaubigt
gez: Richard
Pro copia
Büker, Amtssekretär

Abschrift der Original-Vereidigung vom 17.05.1871   Transkription der Vereidigung

Er heiratete Marie Brömstrup (geb.: 27.10.1843) aus Osnabrück.

Das Paar hatte drei Kinder - der älteste Sohn Heinrich (geb.: 24.01.1867) wanderte mit 20 Jahren nach Amerika aus. Er war Kunstmaler und heiratete nach seiner ersten Rückkehr Alma Kriege (geb.: 1878) aus Lienen. "Henry", wie er sich in Amerika nannte, war dort später "scenic artist" (Bühnenbildner), kehrte aber immer wieder zu Besuchen nach Deutschland zurück. So fuhr er 1910 mit dem Kombischiff "Main" und seiner Ehefrau von Bremen nach New York. Mit seiner Ehefrau und der zweijährigen Tochter Alma (geb.: 1911) ging es im April 1913 mit dem Dampfer "Barbarossa" von Bremen nach Amerika (Jamaica, New York), ebenfalls fuhr er im September 1925 mit Ehefrau und Tochter mit dem Dampfschiff "Westphalia" von Hamburg nach New York. Anfang Oktober 1937 fuhr er mit dem Dampfschiff "Hamburg 2" von Hamburg wieder nach New York. In Amerika wohnte er in den Richmond Hills im südwestlichen Teil des Bezirks Queens in New York, später wohnte er in mitten im Stadtbezirk Queens (Jamaica Estates, 22 Croydon Road). Henry Schlotheuber starb am 21. Februar 1939 in New York.

Friedrichs Ehefrau Marie und Tochter Anna, verheiratete Sievers, zogen später in das von Julius Schlotheuber erbaute "Haus Eckstein" an der Rennbahn (Rennbahn 22, heute: Charlottenburger Ring 22).

Karte der Apotheke

Karte der Apotheke

1900 übernahm Sohn Julius, am 2. November 1869 noch in Duingen geboren, die Apotheke - im gleichen Jahr wurde ein Botendienst nach Hagen a.T.W. eingerichtet.
Julius Schlotheuber besuchte das Realgymnasium in Osnabrück. Seine Lehre verbrachte er in einer Apotheke in Ebstorf (heute: Bevensen-Ebstorf), seine "Apothekergehülfenprüfung" legte er 1890 in Lüneburg ab. In den Folgejahren war er in mehreren Apotheken, darunter in Freiburg im Breisgau, tätig. Im Frühjahr 1895 legte er nach dreisemestrigem Studium sein pharmazeutisches Examen in Münster mit "sehr gut" ab.
Nach einem freiwilligen einjährigen Militärdienst im Garnisonslazarett in Berlin arbeitete er als Assistent bei dem deutschen Chemiker Prof. Hermann Emil Fischer an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute: Humboldt-Universität).
Emil Fischer erhielt für seine Arbeiten über die Chemie der Zucker und der Purine im Jahr 1902 den Nobelpreis für Chemie.

Julius Schlotheuber

Julius Schlotheuber

Im Frühjahr 1897 teilte sein Vater Friedrich mit, dass er aus Altersgründen die Apotheke nicht länger allein führen könne - und so reiste Julius "schweren Herzens" nach Hause und half seinem Vater. Im Jahre 1900 übernahm Julius die alleinige Verantwortung für die Apotheke.
Zu dieser Zeit wurden noch viele Pflanzen selbst gepflückt und im Dachgeschoss auf großen Netzen zu Tees getrocknet. Im Garten wuchsen Himbeeren, aus denen, verbessert durch Waldhimbeeren, ein Himbeersirup zur Geschmacksverbesserung der Arzneien hergestellt wurde. In einem gut eingerichteten Labor wurden Extrakte angefertigt, so mit der im Freeden wachsenden Tollkirsche, die zu "extractum belladonnae" zur Anwendung gegen krampfartige Magenbeschwerden verarbeitet wurde und das man an pharmazeutische Großhandlungen lieferte.

Die Patienten bekamen die Medikamente über einen Schalter im Eingangsflur verabreicht.
Als man die Offizin (Verkaufsraum) dem Publikum zugänglich machte und die teils heute noch verwendete Eicheneinrichtung einbaute, kam an die Tür ein Emailleschild mit der Aufforderung "Apotheke, herein ohne anklopfen".
Neben der allopathischen wurde eine homöopathische Abteilung eingerichtet.

Vor dem Hause befand sich jahrzehntelang eine Schwengelpumpe für die Bewohner Iburgs.

Schwengelpumpe vor der "Hirsch-Apotheke", um 1900

Schwengelpumpe vor der "Hirsch-Apotheke", um 1900

Mitte Januar / Anfang Februar 1904 schrieb Julius Schlotheuber an den angehenden Geologen Karl Andrée (geb.: 10.03.1880, gest.: 18.08.1959), zu dem ein freundschaftliches Verhältnis bestand, da der Vater von Julius seine Apothekerausbildung im Hause des Vaters von Karl gemacht hatte:
"
Lieber Herr Andrée.
Und endlich hat er doch den Dreh gefunden, werden Sie beim Anblick des Briefes ausrufen. Doch Sie wissen, daß ich gerne eine Arbeit vollende, ehe ich an eine andere gehe. Glücklicherweise bin ich mit den Rechnungen schreiben fertig und es geht an die Privatangelegenheiten. Sie sind der erste, welcher einen Brief erhält.
(...) Recht freute ich mich über ihre zufriedenen Briefe; die Eltern und ich hören gern von Ihnen, mit welchem Erfolg Sie in Göttingen arbeiten. Die Examensverzögerung macht ja wenig für Sie aus. Von Koenen [Dozent der Geologie] wird hier ohne große Erdarbeiten keine wesentlichen Neuentdeckungen machen.
Die Steinbruchsarbeiter halte ich kräftig zum Sammeln an. Bei trockenem Wetter sollen sie mir die Versteinerungen zutragen; ich schicke sie dann umgehend nach Göttingen. Zuletzt war ich mit dem Assessor Lamby und Referendar Scheekl vor Weihnachten in dem Dörenberg's Steinbruch. Unter dem hohen Schnee konnten wir die Versteinerungen nicht beweisen. Leider hatten die Arbeiter sie nicht in die Schutzhütte gebracht.
Die Familie Schlotheuber lebt nach alter Art weiter, bis jetzt kamen wir gut durch den Winter. Weihnachten waren die Wittmunder wieder hier, wir verlebten recht fidele Tage zusammen. Abends ließen wir uns häufig von dem Gramophon (im Werte von 200 M), welches ich in einer Wohltätigkeitslotterie gewann, die feinsten Musikstücke, Singen und Reden vorführen. Sie werden bei Ihrem Hiersein auf Freude daran haben. (...)
"

Am 27. Juli 1904 unterzog sich Karl Andrée in der Aula der Universität Göttingen der mündlichen Doktorprüfung - das Dissertationsthema lautete "Der Teutoburger Wald bei Iburg".
Natürlich ließ es sich Karl Andrée nicht nehmen seinem Freund Julius Schlotheuber die von Louis Hofer in Göttingen herausgegebene Dissertation mit persönlicher Widmung zuzuschicken.

Widmung "Herrn Apotheker Jul[ius] Schlotheuber in Iburg mit besten Grüßen der Verf[asser]

Widmung "Herrn Apotheker Jul[ius] Schlotheuber in Iburg mit besten Grüßen
der Verf[asser]

Im Jahre 1999 habe ich die Mineralien- und Fossiliensammlung von Julius Schlotheuber, gesammelt um 1904, übereignet bekommen - diese befindet sich seitdem für wissenschaftliche Zwecke in meinem heimatkundlichen Archiv.

Postkarte, um 1905

 

Postkarte, um 1905, nachträglich mit "Schnee" versehen und den Strommasten entfernt

Postkarte, um 1905   Postkarte, um 1905, nachträglich mit "Schnee" versehen und den Strommasten entfernt

Friedrich Wilhelm Schlotheuber verstarb am 3. Februar 1908.

Als um 1900 in Hagen a.T.W. der erste Arzt seine Tätigkeit aufnahm, richtete Julius Schlotheuber einen täglichen Botendienst nach Hagen ein. Dieser bestand bis 1933 - ab diesem Zeitpunkt entstand in Hagen eine Zweigstelle und im Jahre 1950 die "Martinus-Apotheke" als Filiale der Iburger "Hirsch-Apotheke". Die "Martinus-Apotheke" (heute: Dorfstraße 9) wurde 1957 auf Anordnung des Regierungspräsidenten von Osnabrück selbständig.

Auch nach Laer (heute: Bad Laer) existierte ein Botendienst mit Beförderung durch die Teutoburger-Wald-Eisenbahn.

"Hirsch-Apotheke", um 1910

 

"Hirsch-Apotheke", um 1910

"Hirsch-Apotheke", um 1910   "Hirsch-Apotheke", um 1910

Zu Beginn des 1. Weltkrieges wurde der in der Apotheke tätige Provisor Ernst eingezogen.
Aus der Zeit des 1. Weltkrieges ist überliefert: "Da die Bauern erst nach der Feldarbeit zur Apotheke kamen, konnte der Apotheker sein Haus am besten in den frühen Nachmittagsstunden verlassen. Kam in dieser Zeit aber doch ein eiliger Kunde, so hängte die langjährige Magd Franziska Klekamp ein großes weißes Tuch aus dem oberen Bodenfenster, und der Spaziergänger, der seine Wege so gewählt hatte, daß er das Fenster im Auge behielt, kehrte dann schnellen Schrittes zurück."

1916 heiratete Julius Schlotheuber Charlotte Alphéus (geb.: 17.07.1892) aus Iburg.
Ende 1916 wurde das Haus von Grund auf renoviert, das Kellergewölbe geöffnet sowie das erste Stockwerk eingerichtet. In kurzer Zeit kamen vier Kinder zur Welt.

Charlotte und Julius beim Studium der Zeitschrift "Innendekoration", 1916

Charlotte und Julius beim Studium der Zeitschrift "Innendekoration", 1916

Die Anschrift lautete "Nr. 10.11", telefonisch waren Schlotheuber unter 214 erreichbar.

Gewerbliche Anzeige, 1935

Gewerbliche Anzeige, 1935
aus: HÜLSEMANN, Robert: Luftkurort Iburg

Am 13. Februar 1936 verstarb Julius Schlotheuber; zu dieser Zeit waren noch alle vier Kinder in der Schule.

Gewerbliche Anzeige, 1937

Gewerbliche Anzeige, 1937
aus: HÜLSEMANN, Robert: Winke und Wegweiser
für die Besucher Iburgs

Die Apotheke wurde von den Apothekern Ferdinand Meyhöfener, Drewes, Frau Stuczynski und Frau Klussmann, geb. Kremer, verwaltet, da diese als "Notstandsapotheke" nicht verpachtbar war - eine Apotheke, die zwar wichtig war, aber nicht alle Anforderungen einer Apotheke erfüllte.

Nachdem 1946 der Sohn Jürgen (geb.: 17.07.1917) nach einer schweren Kriegserkrankung sein Studium nicht abschließen konnte, wurde die Apotheke für zwei Jahre an Frau Klussmann verpachtet.

Am 1. Juli 1948 übernahm die dritte Tochter von Julius Schlotheuber, Lieselotte ("Lilo") Schlotheuber, die Apotheke.

Lieselotte Schlotheuber (links)

 

Lieselotte Schlotheuber, um 1950

Lieselotte Schlotheuber (links), um 1950   Lieselotte Schlotheuber, um 1950

Lieselotte wurde in Münster als Apothekerin ausgebildet; sie heiratete 1954 Otto Wilkens und zog nach Stelle (Landkreis Harburg), wo sie die "Rosen-Apotheke" eröffnete.
Die Tochter Gisela Schlotheuber (geb.: 31.03.1919) war als Gymnastik- und Englischlehrerin an der Deutschen Heimschule Schloss Iburg sowie anschließend an der Niedersächsischen Heimschule tätig; sie wohnte im "Haus Eckstein". Gisela war bis zur Pensionierung im Schuldienst tätig, zuletzt in Diepholz; sie verstarb am 14.01.2001.
Der Sohn Erhard Schlotheuber wurde am 5. April 1922 geboren - er verstarb als Leutnant der Reserve im August 1943 am Ladogasee (Nordwestrussland); sein Medizinstudium konnte er nicht mehr zu Ende bringen.

Die Anschrift lautete "Schloßstraße 16".

1953 wurde abermals das Gewölbe geöffnet.

Am 1. Februar 1955 übernahm Sohn Jürgen, zuerst als Pächter seiner Mutter Charlotte und ab 1962 als Inhaber, die Apotheke.
Jürgen legte nach dem Besuch des Osnabrücker Ratsgymnasiums, nach Arbeitsdienstzeit, einem siebenjährigen Wehrdienst und einem Studium in Freiburg, Marburg und Münster 1952 sein Staatsexamen ab. Im Dezember 1953 konnte er seine Approbation als Apotheker in Empfang nehmen.

1954 heiratete Jürgen Schlotheuber die Apothekerassistentin Renate Anna Emilie Enke (geb.: 08.06.1926) aus Freiburg im Breisgau.

Jürgen Schlotheuber

Jürgen Schlotheuber

Im Jahr 1955 wurde eine selbständige "neuform"-Diätabteilung angeschlossen (heute: Handelsverbund Reformhaus e.G.) - dafür erwarb Jürgen Schlotheuber ein Fachdiplom.
Er begleitete auch intensiv und engagiert die Entwicklung Iburgs zum Kneippkurort - Jürgen Schlotheuber war 1951 Gründungsmitglied des Kneipp-Vereins Iburg.

"Apotheke Schlotheuber" mit Sparkasse Iburg (links) und Gasthaus Ludwig Bitter (mittig links)

"Apotheke Schlotheuber" mit Sparkasse Iburg (links) und Gasthaus Ludwig Bitter (mittig links)

 

Gewerbliche Anzeige, 1962

 

Seife als Werbeprodukt

Gewerbliche Anzeige, 1962
aus: Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des Vereins für Leibesübungen e.V. Iburg
  Seife als Werbeprodukt

In den Folgejahren bekam das Apothekerpaar vier Kinder: Hans, Charlotte, Eva und Almuth.
Charlotte Schlotheuber ist freie Künstlerin und Diplom-Pädagogin - sie wohnt in Tübingen.
Eva Schlotheuber (geb.: 25.10.1959) lehrt nach einer Professur für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Münster (2007 - 2010) nunmehr an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie wurde 2016 Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.
Die jüngste Tochter Almuth ist in Flensburg als Frauenärztin tätig.

Gartenansicht, 1965

 

Exlibris "Blick vom Garten auf die Apotheke" von Julius Schlotheuber

Gartenansicht, 1965   Exlibris "Blick vom Garten auf die Apotheke"
von Julius Schlotheuber

Später wurde die Offizin um den Eingangsflur erweitert und mit neuen Kulissenschränken und dem "System Meess", einem Kärtchen-Bestell-System, ausgerüstet. Mit geringfügiger Umrüstung konnte später die elektronische Warenbestellung eingeführt werden.

"Hirsch-Apotheke", 1971

"Hirsch-Apotheke", 1971

1972 plante Familie Schlotheuber an der Beckerteichpforte einen Neubau mit Ladenstraße und Eigentumswohnungen.

Planungsentwurf des Neubaus, 1972

Planungsentwurf des Neubaus, 1972

 

Baumaßnahmen an der Beckerteichpforte, 1972

Baumaßnahmen an der Beckerteichpforte, 1972

Die "neuform"-Diätabteilung zog 1973 als Reformhaus in die Beckerteichpforte um (Beckerteichpforte 2).

Apotheker Jürgen Schlotheuber starb am 7. November 1986; seine Frau führte noch bis Dezember 1990 das angrenzende Reformhaus weiter.

Sohn Hans Schlotheuber übernahm am 1. Januar 1986 mit seiner Ehefrau, der Apothekerin Regina Schlotheuber, geborene Scheffler, in vierter Generation die "Hirsch-Apotheke".
Hans Schlotheuber studierte in Berlin, approbierte dort 1983 und war ebenfalls in Berlin in verschiedenen Apotheken als Apotheker tätig. Das Ehepaar hat drei Kinder.
Hans Schlotheuber gehörte am 15. Mai 2008 zum Gründungsvorstand des Fördervereins der Ev.-luth. Kirchengemeinde Bad Iburg an, ist Vorsitzender des Vereins "Christopherus-Heim e.V.", er war 2015/2016 Präsident des Lions-Clubs Georgsmarienhütte, stellvertretender Vorsitzender im "Verein Iburger Schloßkonzerte", im Vorstand des Vereins "Historisches Iburg" und bis 2018 Vorsitzender der "Teuto Tour e.V.".
Regina Schlotheuber eröffnete am 24. April 1997 die "Mühlentor-Apotheke".

Hans Schlotheuber

Hans Schlotheuber

Im August 2010 wurden, um die Fußböden zu erneuern, erneut die Kellergewölbe geöffnet.

Am 11. Februar 2013 verstarb Renate Schlotheuber.
Renate Schlotheuber war von 1972 bis 1996 Ratsfrau im Bad Iburger Stadtrat - die Erforschung der Heimatkunde und der Flora war ihr ein großes Anliegen.

Auch das Emblem der Apotheke, der Hirsch, durchlief im Laufe der Zeit vielfache Veränderungen:

Emblem Hirsch

 

Emblem Hirsch

 

Emblem Hirsch

 

Emblem Hirsch

 

Emblem Hirsch

 

Emblem Hirsch

Für zahlreiche Hinweise und Fotografien danke ich Hans Schlotheuber (Bad Iburg) - weitere Informationen finden sich in den Heften "Iburger Apothekengeschichte" von Jürgen und Renate Schlotheuber aus dem Jahre 1971 sowie "1871 - 1996 Hirsch-Apotheke Bad Iburg" von Hans Schlotheuber!

 

Impressum / Kontakt / Datenschutzerklärung --- Inhaltsverzeichnis --- Zeitreise(n) durch Bad Iburg--- Schloßstraße 16