Geowissenschaftler Karl Andrée Christian Dütting Wilhelm Haack Heinrich Hiltermann
  Friedrich Hoffmann Gerhard Keller Wilhelm Trenkner Otto Weerth

 

Karl Andrée

Karl Andrée
(1880 - 1959)
Prof. Dr. Karl Andrée als Rektor der
Universität Königsberg Pr. (1930)

Karl Erich ANDRÉE wurde am 10.03.1880 als ältester Sohn bzw. als viertes von sieben Kindern der Apothekerfamilie Georg Theodor Erich Adolf Andrée und seiner Ehefrau Anna Henriette (Henny) Margarethe Bömers, geb. Duntze, adopt. Bömers, in Münder am Deister geboren.
Sein Vater Adolf Andrée (geb.: 01.11.1841 in Münder, gest.: 25.02.1917 in Hannover) betrieb ab 1868 die "Adler-Apotheke" (Benennung seit 1908) an der Langen Straße 10 in Münder, die bereits seit etwa 1838 von dessen Vater Johann Friedrich Jacob Andrée (geb.: 16.07.1798 in Blankenburg (Harz), gest.: 08.12.1849 in Münder) betrieben wurde, sowie eine Filiale in Lauenau (am Deister). Die Münderaner Apotheke befand sich direkt am Zugang zur evangelisch-lutherischen "Petri-Pauli-Kirche". 1887 übernahm er die Hildebrand'sche "Aegidien-Apotheke" am Aegidientorplatz / Breite Straße 1 in Hannover. Dort wohnte auch die Familie, die zudem Haus und Garten in Kirchrode besaßen. Die Mutter von Karl Andrée, der durch Beschluss des Bremer Senats die ausschließliche Führung des Familiennamens Bömers gestattet wurde, wurde am 05.08.1851 in Bremen geboren (gest.: 20.10.1897 in Hannover); die Trauung fand am 29.04.1875 in Bremen statt. Nach dem Tod von Henriette Bömers heiratete Adolf Andrée in Hannover am 14.09.1901 Marie Thomsen aus Altona.
Adolf Andrée war Mitglied des Bürgervorsteher-Collegiums und Senator im Magistrat zur Amtszeit von Bürgermeister Dr. jur. Wilhelm Wermuth (1858 - 19.04.1894) - Adolf Andrée ist die Nutzbarnachung der Schwefel- und Eisenquellen und die Gründung der "Saline, Sol- und Schwefelbad-Aktiengesellschaft zu Münder" zu verdanken. Ebenfalls machte er sich für die Heranführung der Eisenbahnstrecke Hannover - Hameln an die Stadt und die Benennung der Bahnstation nach Münder am Deister stark. Auch erwarb er sich als Botaniker große Verdienste - er war u.a. Vorstandsmitglied der Naturhistorischen Gesellschaft in Hannover, Vorstand des Botanischen Gartens der Stadt Hannover (am Forsthaus Pferdeturm) und Verfasser fachpolitischer und wissenschaftlicher Abhanldungen.
Sein Bruder Hermann Ludwig Otto Andrée (geb.: 31.07.1884 in Münder, gest.: 01.07.1967 in Hamburg-Blankenese), Jurist, war vom 12. August 1920 bis zum 11.08.1932 Bürgermeister der Stadt Waren an der Müritz. Soweit bekannt gab es noch vier Schwestern und den Bruder Adolf Heinrich Karl (geb.: 07.11.1877 in Münder).

Apotheke in Münder und rechts Brockhoff`s Hotel, Lange Straße, um 1907
(Ausschnitt aus einer Postkarte des Verlages Rolf & Co., Hannover)

Am 27.04.1880 wurde Karl in der evangelisch-lutherischen Petri-Pauli-Kirche in Münder getauft. Der Kirchenbuchführer G. Meyer trug am 28. April 1880 als Teufzeugen in ds Kirchenbuch auf Seite 183, Nr. 28, den Konsul Karl Bömers zu Bremen und Dr. jur. Erich Hildebrand zu Braunschweig (dieser war zur Taufe abwesend) ein.
Die Kaufmänner Karl Bömers und Heinrich Wilhelm Bömers aus Bremen waren Trauzeugen der Eltern.

Nach Besuch des 1. Schuljahres siedelte die Familie 1887 aufgrund beruflicher Veränderungen des Vaters nach Hannover über. Dort wurde Karl am 01. April 1894 in der Ägidienkirche konfirmiert. Vor der Umsiedlung wurde Karl von dem Lehrer Karl Scheller aus Münder auf den Schulwechsel nach Hannover vorbereitet. Von 1887 bis Ostern 1898 besuchte ANDRÉE das dortige humanistische Gymnasium Lyceum I (später: Ratsgymnasium, Georgsplatz 16) und schloß mit dem Abitur ab.

 
Blick vom Hansahaus auf die Aegidien-Apotheke (mittig links), Hannover
(Fotograf und Jahr unbekannt)
  Blick auf die Aegidien-Apotheke (links) und in die Georgstraße, Hannover
(Postkarte, um 1900)

Auch wohl aufgrund der Vorbildung seines Vaters, der in Berlin Mineralogie und chemische Geologie studiert hatte, belegte Karl zwei Semester Chemie an der Technischen Hochschule Hannover.
Am 27.04.1899 wechselte ANDRÉE an die Philosophische Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen (Matrikel-Nr.: 71540). Dort widmete er sich dem Studium vorwiegend der Mineralogie, später mehr der Geologie, Paläontologie und Zoologie. Seine "Studentenbude" befand sich in der Groner-Tor-Straße 1 westl. der Innenstadt und rd. 3 km südwestlich des geologischen Institutes.

In Göttingen belegte Andrée Vorlesungen bei den Dozenten Geh. Reg. Rat Julius Baumann, Prof. Otto Bürger, Prof. August Cramer, Geh. Reg. Rat Ernst Ehlers, Geh. Bergrat Adolph von Koenen, Prof. Arthur Kötz, Geh. Bergrat Theodor Liebisch, Prof. Ludwig Rhumbler, Geh. Reg. Rat Eduard Riecke, Dr. Johannes Stark, Geh. Reg. Rat Hermann Wagner, Geh. Reg. Rat Otto Wallach und Dr. Ernst Zermelo.

In Göttingen war er auch Mitglied der dortigen Turnerschaft Cheruscia.
Der ordentliche Professor der Geologie, Geheimer Bergrat Dr. phil. Dr.-Ing. Adolf von Koenen (geb. 21.03.1837, gest. 03.05.1915), war es dann, der ANDRÉE anregte, seine Dissertation über die Geologie Iburgs zu schreiben. VON KOENEN war die geologische Situation Iburgs bekannt gewesen, da er sich intensiv mit der Gliederung der Unter-Kreide beschäftigte und dazu in den Steinbrüchen am Dörenberg intensiv gesammelt hatte. In Andrée's Inaugural-Dissertation "Der Teutoburger Wald bei Iburg" ist dazu zu lesen: "Es erschien aber von Interesse, die weitere Fortsetzung des Teutoburger Waldes nach Westen zu untersuchen, sowohl auf ihre Lagerung hin, als auf ihre Fauna, zumal da aus dieser Gegend schon vereinzelte Amonitiden bekannt geworden waren. Ich unternahm es daher, dei Gegend von Iburg, von Hankenberge im Osten bis etwa nach Lienen (...) zum Gegenstand einer genaueren Untersuchung zu machen; nicht zum mindesten deshalb, weil der Sandstein hier in verschiendenen, einander mehr oder minder parallel laufenden Zügen auftritt, ..." Für seine geologischen Studien in Iburg durchstreifte ANDRÉE die Umgebung nach Aufschlüssen. In diesen sammelte er selber, ließ sammeln oder bediente sich vorhandener Sammlungen. So sammelte ANDRÉE aus den Steinbrüchen Dörenberg, Hohnsberg, Hochholz und Musenberg 118 verschiedene Arten, aus dem Tepe'schen Steinbruch auf dem Hagenberg führte er 22 Arten auf. Im Sander'schen Steinbruch am Ostende des Langenberges sammelte er acht verschiedene Fossilien.

Lebenslauf aus der Promotionsakte der Universität Göttingen (Phil. Fak., Dekanatsakte 190b):
"Als Sohn des Apothekers Adolf Andrée und seiner Gattin Henny, geb. Duntze, adopt. Bömers,
wurde ich, Karl Andrée, am 10. März 1880 zu Münder a.D. geboren."
Der weitere Lebenslauf ist als Abdruck in der Promotionsveröffentlichung wiedergegeben.

Einem Brief des Iburger Apothekers Julius Schlotheuber an Karl Andrée, geschrieben zwischen Mitte Januar 1904 und dem 08.02.1904, ist zu entnehmen: "Von Koenen wird hier ohne große Erdarbeiten keine wesentlichen Neuentdeckungen machen.
Die Steinbruchsarbeiter halte ich kräftig zum Sammeln an. Bei trockenem Wetter sollen sie mir die Versteinerungen zutragen; ich schicke sie Ihnen dann umgehend nach Göttingen. Zuletzt war ich mit dem Assessor Lamby und Referendar Scheekl vor Weihnachten in dem Dörenberg's Steinbruch. Unter dem hohen Schnee konnten wir die Versteinerungen nicht beweisen. Leider hatten die Arbeiter sie nicht in die Schutzhütte gebracht."
Julius Schlotheuber (geb.: 02.11.1869 in Duingen, gest.: 13.02.1936 in Iburg) hatte 1900 die "Hirsch-Apotheke" in Iburg von seinem Vater Friedrich Wilhelm Schlotheuber, gebürtig aus Duingen bei Alfeld, übernommen.
Friedrich Schlotheuber war in Münder bei Adolf Andrée in der Ausbildung gewesen.

So erhielt Andrée aus einem Steinbruch am Ostende des Hagenberges Fossilien von dem Fabrikanten Wilhelm Vornbäumen, er nutzte die Sammlung Dr. Otto Kanzler aus Bad Rothenfelde und dem Osnabrücker Museum, Analysen von Schwefelwasser sowie Kalken des Cenoman lieferten Hermann Wedekämper und Conrad Sander aus Iburg. In der Sammlung des Geologisch-Paläontologischen Instituts der Georg-August-Universität Göttingen befinden sich nach Auskunft von Dr. Hans Jahnke (1990, ehem. Universität Göttingen) noch ca. drei Schubläden (Gö Orig. Nr. 44) mit Material vom Steinbruch Dörenberg, das er für seine Dissertation bearbeitet hatte. Auch ein Großteil weiterer in der Dissertation beschriebener Fossilien befindet sich in den paläontologischen Sammlungen in Göttingen (siehe: http://www.geo-iburg.de/fossillisten.html).
Die Fossiliensammlung von Julius Schlotheuber befindet sich seit ca. 2000 in meinem Eigentum und steht für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung.

An Mineralien erwähnt er nur "Kalkspath" (Calcit, CaCO3) und "Schwefelkies in rundlichen Knollen" (Markasit-Knollen, FeS2) aus den Kalken der Ober-Kreide.

Während seiner Iburger Zeit wohnte ANDRÉE im Haus Schnüpke an der heutigen Osnabrücker Straße 8 - zu seinen Bekannten zählte die Iburger Apothekenfamilie Schlotheuber, der damalige Assessor Lamby, der Referendar Scheekl und der Arzt Dr. W. Kappelhoff.

"Haus Schnüpke" in Iburg, ca. 1904
(links oben auf dem Balkon: Karl Andrée, Mitte: Apotheker Julius Schlotheuber,
links unten: Frau Bohtz, Ehefrau des Rechtsanwaltes Wilhelm Bohtz, aus Iburg)

Am 27. Juli 1904 fand in der Aula der Universität Göttingen die mündliche Doktorprüfung statt - die Promotionsurkunde ist datiert auf den 22.09.1904.
Die Doktorarbeit "Der Teutoburger Wald bei Iburg" findet bei Wissenschaftlern höchste Anerkennung (hier: Buchbesprechung 1904)!

Einen Großteil seiner Veröffentlichung nimmt, begründet auf seinen Doktorvater Adolf von Koenen, die Unter-Kreide ein. 26 Seiten der Dissertation - eingeschlossen drei Seiten, die dem Wealdenbergbau gewidmet sind - befassen sich mit der Unter-Kreide. Über den Gebirgsbau sowie über das Jura berichtet Andrée auf drei Seiten, die Ober-Kreide ist mit sieben Seiten vertreten und das Pleistozän mit einer Seite. Das zwei Seiten lange Schlusswort befasst sich auch wieder überwiegend mit der Unter-Kreide.
Gewidmet ist die Dissertation seinem "lieben Vater".

Widmung vom Karl Andrée auf der veröffentlichten Dissertation an Julius Schlotheuber:
"Herrn Apotheker Jul[ius] Schlotheuber in Iburg mit besten Grüßen der Verf[asser]"

Die Veröffentlichung "Der Teutoburger Wald bei Iburg" mit der Widmung kaufte ich Ende November 2003 in einem Oldenburger Antiquariat.

Nach der mündlichen Prüfung verlobte sich Karl mit Helene (Lenchen) Rathkamp (geb.: 18.04.1884) in Göttingen.
Helene Rathkamp war die Tochter des Göttinger Bauunternehmers und späteren Bausenators (seit 11.07.1912) Robert Rathkamp und seiner Ehefrau Minna, geb. Gebhard.

Verlobung von Helene Rathkamp und Karl Andrée,
Göttingen am 27. Juli 1904

Vom 01. Oktober 1904 bis zum 30. September 1905 folgte ein freiwilliges Jahr beim Infanterie-Regiments Nr. 82, 11. Kompanie, in Göttingen. Er verließ die Kompanie mit der Befähigung zum Reserveoffizier; seine Körpergröße betrug 1,67 m.

Vom 01.01.1906 bis zum 30.09.1908 war ANDRÉE planmäßiger Assistent bei dem deutschen Erzstättenforscher Prof. Dr. Alfred Bergeat am Mineralogisch-Geologischen Institut der Bergakademie Clausthal und hielt dort ab dem Wintersemester 1906/07 Vorlesungen. Seine Wohnung befand sich bis Mai 1906 direkt neben der Windmühle auf dem Bremerberg. Die spätere Wohnung befand sich im "Haus Kramer", Am Markt 276, im 1. Obergeschoss.
Im gleichen Jahr (1906) erscheint sein Aufsatz "Geologischer Führer durch den Osning" (39 Seiten) in Heinrich Aschenbergs Buch "Führer durch den Osning." In der 2. Auflage des Werkes im Jahre 1923 unter dem Titel "Der Teutoburger Wald. Führer durch den Osning von Ibbenbüren bis Bielefeld" erscheint eine vom Herausgeber gekürzte Fassung nach der Darstellung der ersten Auflage - die Überschrift lautet "Geologische Skizze des Osning" (4 Seiten).
Dort schwärmt Andrée von Iburg: "Der große landschaftliche Reiz, welcher den Teutoburger Wald im allgemeinen, besonders aber auch die bisher leider zu wenig bekannten Bergketten des Osning, und vor allem die Gegend von Iburg, auszeichnet, beruht zum großen Teile auf dem häufigen Wechsel zwischen Laubwald und Nadelholz, (...). Alles dieses ist (...) in hohem Grade abhängig von dem Bodenrelief und der Bodenbeschaffenheit und diese wiederum von der geologischen Beschaffenheit des Untergrundes, ...".

Am 26.05.1906 heiratete er Helene Rathkamp, die ihm zwischen 1907 und 1911 zwei Söhne und zwei Töchter schenkte: Konrad Adolf Robert Heinz (geb.: 27.04.1907 in Clausthal), Waltraud (Traute, geb.: 24.05.1908 in Clausthal), Marie Anna Margret (Marga, geb.: 20.10.1909 in Karlsruhe, verh.: Kelletat) und Wolfgang Hermann Ferdinand (geb.: 05.09.1911 in Marburg).
Helene Rathkamp war die Tochter des Göttinger Architekten Dietrich Wilhelm Rathkamp und seiner Ehefrau Marie.

Apotheker Adolf Andrée (links) mit Sohn Karl (rechts) und dessen Sohn
Heinz (mittig), August 1910

Es folgten Assistentenjahre unter Prof. Dr. Wilhelm Paulcke an der Technischen Hochschule Karlsruhe "Fridericiana" (01.10.1908 - 31.03.1910); die Wohnung der Familie befindet sich im 1. Obergeschoss in der Südendstraße 7 in Nähe des Zoologischen Stadtgartens. Vom 01.04.1910 - 31.03.1915 war er Privatdozent an der Universität Marburg (Lahn) bei Prof. Dr. Emanuel Kayser; die Familie bewohnte das Haus Ritterstraße 16 (den ehemaligen Forsthof), später zogen sie in eine Wohnung in der Orleansstraße 11. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit stellte er hier die Kayser'sche Schausammlung für Allgemeine und Dynamische Geologie nach eigenen Gesichtspunkten neu auf. Vom 07. bis 14. August 1913 nahm Andrée am 12. Internationalen Geologenkongress (International Geological Congress (IGC)) - neben zahlreichen weiteren bedeutenden deutschen Geologen - in Toronto (Kanada) teil. Anschließend reiste er durch die USA.
Prof. Dr. Kayer war (in dieser Zeit) von 1910 bis 1920 der erste Vorsitzende der von ihm 1910 mitgegründeten "Geologischen Vereinigung".

Am 25.04.1910 folgte seine Habilitation für Geologie und Paläontologie an der Universität Marburg mit der paläontologischen Arbeit "Zur Kenntnis der Crustaceen-Gattung Arthropleura JORDAN und deren systematischer Stellung" - seine Probevorlesung behandelte die "Diagenese der Sedimente, ihre Beziehungen zur Sedimentbildung und Sedimentpetrographie", seine Antrittsvorlesung erfolgte am 30.04.1910, in der er sich mit Fragen der Ozeanographie und ihre Bedeutung für die Geologie beschäftigte.
Arthropleura ist ein jungpaläozoischer, äußerlich tausendfüßerähnlicher Riesen-Gliederfüßer.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges war Karl Andrée als Soldat in der Etappe (im Gebiet hinter der Front) eingesetzt.
Karl Andrée gehörte zu den Unterstützern der "Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches" - in dieser Erklärung vom 16. Oktober 1914 betonten die unterzeichnenden Wissenachaftler, dass sie der Wissenschaft dienen und "ein Werk des Friedens" treiben.
Während der Weimarer Republik soll Andrée der "Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)" nahegestanden haben.

Im April 1915 wurde Andrée als etatmäßiger außerordentlicher Professor für Geologie und Paläontologie an die Albertus-Universität in Königsberg Pr. (heute: Kaliningrad, Rußland) berufen.
An der Albertus-Univerität war Andrée anschließend persönlicher ordentlicher Professor (ab 22.11.1920) und ab 09.11.1921 ordentlicher Professor.
Die heutige "Baltische Förderale Immanuel-Kant-Universität" versteht sich zunehmend als Nachfolgeeinrichtung der Albertus-Universität.

Karl Andrée wohnte zu dieser Zeit mit seiner Familie im Haus Brahmstraße 19 (1. Obergeschoss rechts) in Königsberg.

Er wurde Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts und der Bernsteinsammlung der Albertina. Hier bemühte er sich um die Erweiterung und Vervollständigung der Sammlung sowie um eine vorteilhafte Aufstellung derselben.
Die Bernsteinsammlung war die vollständigste und mit 120.000 Stücken die größte der Welt. Den Hauptteil der Sammlung machten die Bestände der bernsteinfördernden Firma Stantien & Becker aus - deren wissenschaftlicher Berater Dr. Richard Klebs erwarb 1899 die Sammlung und verkaufte diese 1926, zusammen mit im Jahre 1906 erworbenen Beständen der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu Königsberg sowie verschiedenen Privatsammlungen, an die Universität Königsberg.
Im November 1944 ließ Andrée die wertvollsten Stücke in zwei Kofferkisten (75 x 45 x 30 cm), die mit einem Schloss und der Aufschrift "Bernstein-Sammlung" versehen wurden, verpacken und von dem Materialverwalter Oumard des Paläontologischen Instituts an die Georg-August-Universität nach Göttingen bringen. Mit anderen Kunstschätzen, Büchern und Sammlungsmaterial der Albertina wurde der Bernstein am 07.11.1944 in das Kaliwerk Wittekind-Hildasglück in Volpriehausen (Stadtteil von Uslar am Solling) gebracht. Dort wurden sie auf der 540 m-Sohle unter Bruchgestein eingelagert; es folgten in November oder Dezember weitere Kisten per Bahn. Die Bernsteine überstanden die Untertage-Explosion und die anschließenden Brände in den Schachtanlagen in der Nacht des 29. auf den 30. September 1945 und wurden nach der Bergung im Jahre 1946 von der Britischen Militärregierung beschlagnahmt. Nach Einlagerung im Zonalen Archivlager im Kaiserhaus Goslar gelangten die Bernsteine im März 1949 in das Zonale Kunstgutlager Schloss Celle. Zuvor sichtete Andrée am 01. März 1949 den Bernstein in Goslar, verpackte ihn sachgemäß und überwachte die Überführung nach Celle. Am 24. Juli 1958 gelangte die Sammlung nach Auflösung des Kunstgutlagers an das Geologisch-Paläontologische Institut der Universität Göttingen, die die Sammlung treuhänderisch für die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" verwaltet.
In einem Schreiben vom 8. Februar 1958 bestätigt Andrée diese Einlagerung: „Im Jahre 1944 wurde (in etwa 10 größeren schweren und 2 kleineren Kisten) ein größeres wertvolles Material aus den geologisch-paläontologischen Sammlungen (...) in den Schacht nach Volpriehausen verbracht.“
Vom 17. Januar bis zum 31. März 2003 präsentierte das Geowissenschaftliche Zentrum Göttingen die Sonderausstellung "Die Geschichte der Königsberger Bernsteinsammlung in Göttingen" im Rahmen der Gesamtausstellung "Bernstein und seine Einschlüsse. Neue Einblicke in die Vergangenheit der Erde".

Die Teile der Sammlung, die in Königsberg verblieben waren, verbrannten bei der Zerstörung des Institutsgebäudes.
Heute umfasst die ehem. Königsberger Bernstein-Sammlung in Göttingen 2.450 Rohbernsteine, 1.131 bearbeitete Stücke und ca. 12.000 Inklusen.
In Personalunion damit übernahm Andrée auch die Direktion der geophysikalischen Warte mit der Hauptsation für Erdbebenforschung im Forst Fritzen nordöstlich von Groß Raum (heute: Rjabinowka, 12 km nördlich von Königsberg) im Samland. Im Sommersemester 1927 und im Wintersemester 1927/28 wurde er zum Dekan der Philosophischen Fakultät und im Sommersemester 1930 zum Rektor der Universität bestellt (Rücktritt: 24.11.1930).
Der Rücktritt erfolgte aufgrund eines Streites um eine Kranzniederlegung der rechtsgerichteten Studentenschaft anlässlich einer Langemarck-Feier am 21.11.1930, bei der eine schwarz-weiß-rote Schlaufe am Kranz für die Langemarck-Gefallenen entfernt werden sollte. Nachdem der gewaltsame, von pronationalsozialistischen Professoren unterstützte Protest der Studenten nicht einmal durch einen Polizeieinsatz eingedämmt werden konnte, trat Karl Andrée als Rektor zurück (Christian WEBER 1979).

Geologisch-Paläontologisches Institut mit der Bernsteinsammlung, Lange Reihe 4, Königsberg
(Aufnahme: um 1910, aus dem Rundbrief der Albertus-Universität, Weihnachten 1957)
Das "Eichendorff-Haus" war u.a. von 1824 bis 1831 Wohnhaus des Dichters Joseph von Eichendorff.

Nachdem am 02.07.1929 seine Frau Helene mit 45 Jahren nach 23jähriger Ehe starb, heiratete ANDRÉE am 04.03.1931 Käthe Sobolewski (geb.: 13.08.1899), die ihm die Tochter Dore (geb.: 21.11.1933 in Königsberg) schenkte.
Seine Frau, Tochter des Sanitätsrates Dr. med. Ernst Sobolewski und seiner Ehefrau Marie, geb. Holtzheimer, aus Königsberg, trat literarisch hervor und veröffentlichte Gedichte u.a. in der Zeitung "Das Ostpreußenblatt".

Käthe und Karl Andrée, Göttingen, 1950

Von Königsberg aus führten seine wissenschaftlichen Exkursionen in seine geologische Heimat, dem Teutoburger Wald und dem Münsterschen Becken. Weitere Reisen führten u.a. in die USA, die Schweiz, nach Litauen, Estland, Lettland, Finnland, Dänemark, Schweden, Kanada, Italien (u.a. Vesuv und Phlegräische Felder), Österreich und zum Senckenberg-Institut nach Wilhelmshaven.

 
Karl Andrée bei einer Pause anlässlich einer Wanderung in
Zobten am Berge (Schlesien, heute: Sobótka), 1932
  Karl Andrée im Kalksteinbruch Rüdersdorf
(Muschelkalk) östlich von Berlin, 1941

Am 27. Januar 1942 wurde ihm das goldene Treudienst-Ehrenzeichen für 40jährige treue Dienste verliehen.
Im gleichen Jahr (29.03.1942) verstarb sein zweiter Sohn Wolfgang als Oberarzt in Rußland.

Andrée war Mitglied mehrerer Gesellschaften:
1915 trat er in die "Physikalisch-Ökonomische Gesellschaft" ein, in deren Sitzungen er auch mehrere Vorträge, u.a. über Vulkane und ostpreußische Heimatgeologie, hielt. Er war Vorstandsmitglied der "Deutschen Geologischen Gesellschaft" (1920 - 1939, Mitglied seit 1902), seit 1910 Mitglied der "Geologischen Vereinigung", seit 1912 Mitglied der "Paläontologischen Gesellschaft", am 19.09.1922 Gründungsmitglied und späteres Mitglied der "Deutschen Seismologischen Gesellschaft" (später: "Deutsche Geophysikalische Gesellschaft"), korrespondierendes Mitglied der "Estländischen Literarischen Gesellschaft" (ab 1931), Ehrenmitglied der Altertumsgesellschaft "Prussia" (ab 1933) und Mitglied der "Gesellschaft der Freunde Kants".

 
Karl Andrée, Königsberg, 1944   Karl Andrée, Göttingen, 1946

Im Januar 1945 floh ANDRÉE mit seiner Familie aus Ostpreußen und fand erstmals Unterkunft bei seinem Sohn Heinz in Oberg (heutiger Ortsteil von Ilsede) bei Peine.

Ab März 1945 fanden die Eheleute Andrée mit ihrer Tochter Dore eine Wohnung "Am Groner Tor 1" westl. der Göttinger Innenstadt, später bewohnten sie im 1. Obergeschoss rechts eine Wohnung in der Kantstraße 15.

1946 wurde er als Lehrbeauftragter von der Georg-August-Universität Göttingen, der Paten-Universität für die Königsberger Albertus-Universität, übernommen; von 1951 bis 1958 lehrte Andrée dann noch als ordentlicher Professor.
In Göttingen blieb er auch seiner wissenschaftlichen Zeit in Königsberg treu: er war aktiv im "Freundeskreis ostpreußischer Studierender an der Universität Göttingen" (gegr. 1952) und später deren Vorsitzender, auch war er 1. Vorsitzender der "Gemeinnützigen Gesellschaft Albertinum" (gegr. 1958). Außerdem gab er für die Angehörigen der Albertina den "Rundbrief" heraus.

Am 12. Oktober 1948 wurden seine Verdienste anlässlich der 100-Jahr-Feier der Deutschen Geologischen Gesellschaft durch die Verleihung der Hans-Stille-Medaille für seine besonderen Verdienste in der Geologie gewürdigt.

Im Jahre 1950/51 war Andrée "Bohnenkönig" der "Gesellschaft der Freunde Kants".
Andrée fand während des "Bohnenmahls" 1950 in seinem Dessert eine Silberbohne und wurde damit als "Bohnenkönig" zum nächsten Festredner gekürt: am 22. April 1951 spach er über Kants geologische Anschauungen.

Zur 50. Wiederkehr des Promotionsdatums erneuerte am 22. Septembere 1954 die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät aus diesem Anlass "dem vielseitigen Forscher und akademischen Lehrer, der mit Hingebung und Verantwortungsbewußtsein der geologischen Wissenschaft und der Universität Königsberg gedient hat" das Diplom.

Andrée war maßgebend beteiligt an der Schaffung des "Albertinums", dem Göttinger Wohnheim für ostpreußische Studenten: er war Vorsitzender der hierzu gebildeten "Gemeinnützigen Gesellschaft Albertinum".
Er durfte noch erleben, dass ein Grundstück für dieses Haus aus dem Bundeseigentum gewährt wurde - nicht mehr erlebt hat er die Grundsteinlegeung.

Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb Prof. Dr. Karl ANDRÉE am 18. August 1959 im Alter von 79 Jahren; seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Göttinger Stadtfriedhof an der Kasseler Landstraße östlich des Teiches.
Seine zweite Ehefrau Käthe verstarb 1968 in Göttingen; die gemeinsame Tochter Dore Kleindienst-Andrée verstarb 2010.

Todesanzeige in "Das Ostpreußenblatt". Organ der Landsmannschaft Ostpeußen.
Jahrgang 10, Folge 36, Hamburg, 5. September 1959

Die Beerdigung fand am 21. August 1959 unter großer Anteilnahme statt.

Andrée hinterließ über 125 wissenschaftliche Arbeiten, darunter 12 Bücher. Er war Herausgeber der "Geologischen Charakterbilder" (seit 1910, anfangs zusammen mit Prof. Dr. Hans Stille), der "Bernsteinforschungen" (1929 - 1939) und Mitherausgeber der "Regionalen Geologie der Erde" (ab 1938). Sein besonderes Interesse galt der Sedimentpetrographie, der Meeresgeologie, der Gebirgsbildung, der Geologie Ostpreußens und dem Fragenkomplex um den Bernstein.

Im Nachruf der Georg-August-Universität vom 05. September 1959 ist zu lesen: "Karl Andrée war ein ungemein vielseitiger Forscher: es gibt kaum ein Gebiet der Geologie, aus dem nicht eigene Untersuchungen von ihm vorliegen." Und weiter: "Die Georg Augusta gedenkt dankbar der Verdienste, die sich der Heimgegangene als akademischer Lehrer und Forscher erworben hat."
Im Nachruf "Karl Andrée zum Gedenken" schreibt der Geologe Erich von Prosch: "Mit ihm verließ uns ein Gelehrter im guten alten Sinne dieses Wortes, der sowohl in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ungemein vielseitig als auch im persönlich-menschlichen Bereich allgemein beliebt und geachtet war."

Grabstein auf dem Göttinger Stadtfriedhof
(Aufnahme: Karin Wilkens, 2014)

 

Quellennachweis:
Grebing, Horst: Karl Andrée - Wegbereiter der Iburger Geologie. In: Haimat-Jahrbuch "Osnabrücker land 1995". Osnabrück 1994.
Grebing, Horst: Karl Andrée - ein Münderaner Sohn. In: Der Söltjer. Bad Münder 1996.
Kleindienst-Andrée, Dore: Daten zum Leben von Karl Erich Andrée (1880 - 1959). Zusammengestellt zum Familientreffen seiner Nachkommen anlässlich seines 100. Geburtstages - Göttingen, am 1. und 2. März 1980.
v. Prosch, Erich: Karl Andrée zum Gedenken. In: Z. deutsch. geol. Ges., Jahrgang 1964, Band 116, Hannover, Dezember 1966. (Mit umfangreichen Veröffentlichungsverzeichnis!)
Für weitergehende Hinweise danke ich ganz herzlich der Verwandtschaft von Karl Andrée: Neffe Helmut Brenske (geb.: 17.10.1917), Enkel Prof. Dr. Dieter Kelletat (geb.: 29.01.1941) und Tochter Dore Kleindienst-Andrée (†)!


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